Sachsenhagen


Gewitter-Aberglaube




Seit Menschengedenken fürchteten sich unsere Vorfahren vor der Gewalt eines Gewitters. Nicht allein brannten immer wieder Häuser, Höfe und Scheunen durch Blitzeinschlag ab, wodurch sogar ganze Dörfer auf einen Schlag vernichtet werden konnten. Auch wurden durch die Gewitter begleitenden Hagelschauer nicht selten ganze Ernten vernichtet.

Der Himmelfahrtstag, der Gedenktag der Himmelfahrt Christi, ist eines der ältesten christlichen Feste. Es wird seit etwa 400 n. Chr. immer 40 Tage nach Ostern an einem Donnerstag gefeiert. An diesem Tag wurde um Segen und Schutz vor Hagelstürmen und Frühjahrsgewittern und Abwehr aller Gefahren für Mensch und Tier gebetet.

Ein Gewitter galt nicht selten als Sinnbild des Schrecklichen oder sogar als Hexen- und Teufelswerk. Bereits im Mittelalter gab es geweihte Glocken zur Abwehr der Gewitterdämonen. Zur Abwehr gegen den Blitzschlag band man Himmelfahrtskränze zusammen und hing sie an Häusern und Ställen auf, in manchen Gegenden fanden Flurritte und Umzüge statt.

Bei Gewittergefahr wurde dann die „Gewitterglocke“ geläutet, auch bekannt unter dem Begriff „Wetterläuten“. Man war davon überzeugt, dass ein Gewitter und seine Begleiterscheinungen Boten der allmächtigen Gerechtigkeit Gottes waren, die Verstöße gegen göttliche Ordnung, Glaube und Bibelfestigkeit bestrafen sollten. Das Läuten der Glocke sollte Gott wohlgefallen und das Unwetter vertreiben.

Bereits zum Ende des 16. Jahrhunderts, mit Beginn der Reformationszeit begann man, das Wetterläuten zu verbieten, doch erst Ende des 18. Jahrhundert hatte sich das Verbot weitgehends durchgesetzt. In besonders hartnäckigen Gebieten hielt der Brauch sich bis in die Zeit des 1. Weltkrieges.

So heißt es in der von Joh. Just Winkelmann erstellten Beschreibung von Sachsenhagen für die „Bibliotheca Historiae Schauenburgicae“ anno 1750: „So oft bey Tage oder Nacht ein Donner-Wetter am Himmel entstehet, begeben sich der Prediger und die Einwohner, vermöge eines in alten Zeiten gethanen gelübds, alsofort in die Kirche, und halten darin Bethstunde.“


Ende des 18. Jahrhunderts hatte auch Gottlieb Hieronymus Heusinger von Waldegg mit diesem Aberglauben in Sachsenhagen zu kämpfen.

Er war am 19. Juli 1760 in Riehe als dritter Sohn von insgesamt 14 Kindern in zweiter Ehe des Gottlieb Hieronymus Werner Heusinger von Waldegg (Pastor und Edelhofbesitzer in Riehe) geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Lemgo und einem Studium in Rinteln wurde er Hauslehrer in Möllenbeck und Bückeburg, anschließend war er Rektor in Grove. Im August 1789 trat er schließlich die Stelle als neuer Pastor in der Stadt Sachsenhagen an.



frühere Kirche - noch ohne Turm

Hier war es Sitte, dass bei einem aufziehenden Gewitter der Pastor sich mit der Gemeinde im Gotteshaus versammelte, wo so lange Andacht gehalten wurde und die Glocken läuteten, bis das Gewitter vorüber war.

Heusinger versuchte den Aberglauben, dass das Glockenläuten ein Gewitter „banne“, zu bekämpfen. Er erreichte die Abschaffung dieser Unsitte, aber der größte Teil der Gemeinde war damit nicht zufrieden: Man hielt diesen Pastor für einen „gefährlichen Menschen“ kränkte und beleidigte ihn durch unhöfliches und ungesittetes Verhalten.

Ja, man verklagte ihn sogar beim Landgrafen von Hessen, als dieser in Nenndorf weilte. Dieser ging auf die Beschwerde ein und ließ den Fall untersuchen. Der Landgraf gab ihm daraufhin seine völlige Zufriedenheit und Zustimmung zu erkennen, weil Pastor Heusinger „in dem heißen Kampfe gegen den so tief gewurzelten Aberglauben ein weises und schonendes Verfahren“ an den Tag gelegt habe.

Dieser Kampf gegen den Aberglauben der Sachsenhäger hat Heusinger viel Verdruss bereitet. Im Herbst 1792 verließ er Sachsenhagen, um in Beckedorf für die nächsten 9 Jahre Pastor zu werden. 1813 wurde er Superindendant der Ämter Rodenberg und Sachsenhagen. Er starb ab 10. August 1834 in Bad Nenndorf.

Mehr über die Heusinger von Waldegg finden Sie auf den Rieher-Internetseiten von Ralf Schröder.


Quellen: 100-jähriger Kalender, Heimatblätter/Beilage Schaumburger Zeitung 1934, Nr. 3 (freundliche Weiterleitung von Ralf Schröder, Riehe) / Schaumburger Wochenblatt 10.07.1993 - Aufsatz von Matthias Blazek über die Beschreibung Sachsenhagens in der Bibliotheca Historiae Schauenburgicae


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