Auhagen - Sachsenhagen


Auhäger und Düdinghäuser im Streit mit dem Windmüller Dralle aus Sachsenhagen


Die Einheimischen in früheren Jahrhunderten waren „ernstlich und bei willkürlicher Strafe“ angehalten, ihr Korn ausschließlich auf den herrschaftlichen Mühlen mahlen zu lassen. Es bestand der so genannte Mühlenzwang. Alle Bewohner eines Bezirkes mussten in einer bestimmten Mühle mahlen lassen; auch durfte dort keine andere Mühle ohne die Genehmigung des Landesherren angelegt werden. Hiermit sollte das Einkommen des Müllers und somit auch die dadurch fällige Mühlenpacht und Steuerzahlungen an den Landesherrn gesichert werden.

Es gab jedoch auch Ausnahmeregelungen: Wenn eine herrschaftliche Mühle z. B. in wasserarmer Zeit das Korn nicht binnen zwei Tagen mahlen konnte, durften die Einheimischen so genannte Klippmühlen[1] (Privatmühlen) aufsuchen. Ansonsten durften die Klippmüller nur das Korn für Auswärtige, für sich selbst und ihren beiden nächsten Nachbarn mahlen. Bei Verstoß gegen diese Regelung drohten den Einheimischen 1 bis 5 Taler Strafe, den Klippmüllern jedoch für jeden Fall eine Geldstrafe in Höhe von 20 Talern!

Die herrschaftlichen Müller waren verpflichtet, „daß sie Mehl und Maltz tüchtig und gut machen, und nichts verwechseln oder veruntreuen, noch über den gebührlichen Metzen nichts nehmen“. Die Beaufsichtigung dieser Verordnungen lag bei den Amtmännern[2]. Sie hatten darauf zu achten, dass es „mit den Metzen[3] und Mahlgenossen recht zugehe“ [4].

Für ihre Arbeit wurden die Müller nicht mit Geld, sondern mit Naturalien bezahlt. Sie behielten einen Teil des vom Bauern gebrachten Korns für sich - das Mattkorn. Der Anteil war genau festgelegt: Der Müller durfte sich als Matte (Lohn) den „sechzehnten Korn“, also den sechzehnten Teil, nehmen (matten). Durch den Verkauf des einbehaltenen Kornes bzw. des daraus hergestellten Mehles kam der Müller zu Bargeld, von dem er neben seinen eigenen Bedürfnissen die Mühlenpacht an die Hofkammer zahlen konnte.

Damit hier kein Mißbrauch getrieben wurde, durften sie nur die behördlich gelieferten Mühlenmatten (Maße) benutzen. Ein solches Maß, auch Mattkopp genannt, fasste genau 1/16 vom früheren Bückeburger Himten, in denen die Mahlgutmengen gewogen wurden. (Ein Rechenbeispiel und Maßerklärungen befindet sich am Ende dieser Seiten). Über die korrekte Einhaltung dieser Verordnungen gab es aber dennoch immer wieder einmal Streit zwischen den Bauern und dem Müller.

Die Einwohner in Auhagen und Düdinghausen unterstanden dem Amt Sachsenhagen und waren somit angewiesen ihr Korn auf der herrschaftlichen Mühle in Sachsenhagen mahlen zu lassen, welche derzeit von dem Windmüller Dralle betrieben wurde. Das dieses die Bauern jedoch nicht immer befolgten, darüber berichtet eine im Staatsarchiv Bückeburg befindliche Akte aus den Jahren 1760/66 mit dem Titel „Auhagen und Düdinghausen Eingesessene gegen Windmüller Drallen“[5].

Im Jahre 1758 wurden etliche Bauern aus Auhagen und fast alle Düdinghäuser auffällig, da sie ihr Korn außer Landes haben mahlen lassen. Im Einzelnen werden hier im Bruchregister des Amtes Sachsenhagen Anno 1758 genannt:

 

Nro.

Auhagen

1

Johann Hartmann

3

Hans Henrich Thürnau

4

Jobst Langhorst

6

Otto Borchers

7

Cordt Henrich Nülle

8

Philip Battermann

9

Johann Henrich Kölling

12

Henrich Thürnau

13

Cordt Henrich Thürnau

14

Johann Cordt Thürnau

19

Johann Henrich Senne

20

Hans Henrich Köster

22

Jobst Thürnau

23

Hans Wilkening

24

Hans Herm Battermann

35

Cord Henrich Nietert

44

Jürgen Duelmeyer

 

Düdinghausen

1

Hans Caspar Lampe

2

Johann Henrich Lampe

3

Cordt Henrich Thürnau

4

Hans Henrich Widdel

5

Hans Henrich Wöltge

6

Christoph Freyse

7

Cordt Behrens

8

Wilhelm Dammeyer

9

Herm Henrich Bruns

11

Frantz Böcker

12

rel.[6]  Grothen

Aber auch im folgenden Jahr fiel es den Auhäger und Düdinghäuser Bauern nicht ein, wie befohlen auf der herrschaftlichen Mühle in Sachsenhagen mahlen zu lassen. Sie brachten auch diesmal ihr Korn das ganze Jahr außer Landes. Die Namen der Missetäter finden sich wieder im Bruchregister des Amtes Sachsenhagen Anno 1759:

 

Nro.

Auhagen

thuen Tage

Geldstrafe

1

Johann Hartmann

-

1 Thaler

4

Jobst Langhorst

-

1 Thaler

12

Hans Henrich

-

1 Thaler

17

Johann Henrich Thurnau

-

1 Thaler

23

Hans Wilkening

-

1 Thaler

24

Hans Harm Battermann

-

1 Thaler

 

Düdinghausen

 

 

1

Hans Caspar Lampe

-

2 Thaler

2

Johann Henrich Lampe

-

2 Thaler

3

Johann Henrich Thürnau

-

2 Thaler

4

Hans Henrich Widdell

-

2 Thaler

5

Hans Henrich Wöltge

-

2 Thaler

6

Christoph Freyse

-

2 Thaler

7

Cordt Behrens

-

2 Thaler

8

Wilhelm Dammeyer

-

2 Thaler

9

Johann Henrich Bruns

-

2 Thaler

11

Frantz Böker

-

2 Thaler

12

rel. Grothen

-

2 Thaler

Diesmal wurden die Auhäger mit einem Taler und die Düdinghäuser sogar mit der doppelten Summe an Geldstrafe für ihren Ungehorsam belangt. Weiterhin hatten sie dem Müller die entgangenen Matten zu ersetzen. Und genau über diesen Punkt, nämlich der Höhe des dem Müller Dralle entgangenen Lohnes, musste es zwischen den Parteien zwangsläufig zum Streit kommen.

Das zuständige Amtsgericht in Rodenberg befahl am 13. August 1760 den Genannten beider Bruchregister-Listen sich mit dem Müller Dralle zu einigen und sollte dieses nicht möglich sein, allesamt am 8. Oktober 1760 „bey Amt zu erscheinen und bescheids zu gewärtigen“.

 

Die genauen Vorstellungen über seine entgangenen Ansprüche der vergangenen zwei Jahre hatte der Windmüller Johann Heinrich Dralle aus Sachsenhagen bereits am 4. Oktober 1760 in folgenden Listen genauestens festgehalten[7]:

 

 

 

Anno 1758

Waß nachstehende Unterthanen preterpropter jährlich cosumieren und mahlen lassen und waß mich[8] an Mattkorn davon gebühret

Consumieren jahrl.

Thuet an Mattkorn

Nro.

Auhagen

Mltr.

hbt.

M.

Mltr.

Hbt.

M.

1

Johann Hartmann

12

-

-

-

4

2

3

Hans Henrich Thürnau

12

-

-

-

4

2

4

Jost Langhorst

12

-

-

-

4

2

6

Otto Borchers

9

-

-

-

3

1/3

7

Cordt Henrich Nülle

12

-

-

-

4

2

8

Philip Battermann

9

-

-

-

3

1/3

12

Hans Henrich Hartmann

10

-

-

-

3

3

13

Cord Henrich Thürnau

10

-

-

-

3

3

14

Johann Cordt Thürnau

10

-

-

-

3

3

19

Joh. Henr. Senne

10

-

-

-

3

3

20

Hans Henrich Koster

8

-

-

-

3

-

22

Jobst Thürnau

12

-

-

-

4

2

23

Hans Wilkening

12

-

-

-

4

2

24

Hans Herm Battermann

12

-

-

-

4

2

35

Cord Henrich Nietert

8

-

-

-

3

-

44

Jürgen Duelmeyer

8

-

-

-

3

-

 

 

Düdinghausen

 

 

 

 

 

 

1

Hans Caspar Lampe

12

-

-

-

4

2

2

Johann Henrich Lampe

12

-

-

-

4

2

3

Cordt Henrich Thürnau

12

-

-

-

4

2

4

Hans Henrich Widdel

10

-

-

-

3

3

5

Hans Henrich Woltge

10

-

-

-

3

3

6

Christoph Freyse

12

-

-

-

4

2

7

Cord Behrnd

6

-

-

-

2

1

8

Wihelm Dammeyer

6

-

-

-

2

1

9

Harm Henrich Bruns

4

-

-

-

1

2

11

Frantz Böker

6

-

-

-

2

1

12

rel. Grothen

2

-

-

-

-

3

 

Summe

 

 

 

15

5

3 2/3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sachsenhagen, den 4. Okt. 1760

 

 

 

 

 

 

 

Unterschrift: Johann Hinrich Dralle

- Herrschaftlicher Müller -

 

 

 

 

 

 

 

 

Anno 1759

Waß nachstehende Unterthanen preterpropter jährlich cosumieren und mahlen lassen und waß mich[9] an Mattkorn davon gebühret

Consumieren jahrl.

Thuet an Mattkorn

Nro.

Auhagen

Mltr.

hbt.

M.

Mltr.

Hbt.

M.

17

Johann Henrich Thurnau

12

-

-

-

4

2

4

Jobst Langhorst

12

-

-

-

4

2

24

Hans Harm Battermann

12

-

-

-

4

2

23

Hans Wilkening

12

-

-

-

4

2

1

Johann Hartmann

12

-

-

-

4

2

12

Hans Henrich Thürnau

10

-

-

-

3

3

 

 

Düdinghausen

 

 

 

 

 

 

1

Hans Caspar Lampe

12

-

-

-

4

2

2

Johann Henrich Lampe

12

-

-

-

4

2

3

Johann Henrich Thürnau

12

-

-

-

4

2

4

Hans Henrich Widdell

10

-

-

-

3

3

5

Hans Henrich Wöltge

10

-

-

-

3

3

6

Christoph Freyse

12

-

-

-

4

2

7

Cordt Behrens

6

-

-

-

2

1

8

Wilhelm Dammeyer

6

-

-

-

2

1

9

Johan Henrich Bruns

4

-

-

-

1

2

11

Frantz Böker

6

-

-

-

2

1

12

rel. Grothen

3

-

-

-

1

½

 

Summe

 

 

 

10

1

½

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sachsenhagen, den 4. Oktober 1760

 

 

 

 

 

 

 

Unterschrift: Johann Hinrich Dralle

 

 

 

 

 

 

 

- Herrschaftlicher Müller -

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu einer Einigung bis zum 8. Oktober kam es, wie vorauszusehen war, nicht und so fanden sich die Auhäger und Düdinghäuser wie angeordnet auf dem Amtsgericht in Rodenberg ein. Nicht erschienen war jedoch der Müller Dralle, der sich durch seine Tochter entschuldigen ließ: „…daß er keinen Knecht habe und bey dießem Windsturme, welcher allhier dießen Morgen entstanden, von die Mühlen nicht weggehen dürffe…“. Die verärgerten Auhäger und Düdinghäuser beschwerten sich, daß …

 

unlesbare Stellen in den Dokumenten …. noch nachholen !!!

 

ein neuer Termin wurde für den 21. Oktober vereinbart und der Müller Dralle angewiesen an diesem Tag auf dem Amtsgericht zu erscheinen, da er ansonsten damit rechnen müsse, mit seiner Klage abgewiesen zu werden.

 

 

Fortsetzung folgt

(Weitere Unterlagen wurden noch nicht bearbeitet – die vorhandenen Akten im Staatsarchiv datieren sich bis zum Jahr 1766)


 

Rechenbeispiel und Erklärung der alten Maße:

 

1 Malter = 6 Himten

1 Himten = 4 Matten (oder auch Metzen genannt)

 

1 Malter sind umgerechnet ca. 120 kg Roggen oder Weizen oder ca. 75 kg Hafer

 

Nro.

Auhagen

Mltr.

hbt.

M.

Mltr.

Hbt.

M.

1

Johann Hartmann

12

-

-

-

4

2

 

Beispiel: Der Vollmeier Johann Hartmann hat jährlich 12 Malter Korn zu mahlen, das wären umgerechnet 288 Matten/Metzen. Der Müller bekommt hiervon den sechzehnten Teil, also 18 Metzen:

 

12 Malter x 6 [Himten] x 4 [Matten] = 288 Matten

1/16 von 288 = 18 Matten

diese wiederum umgerechnet = 4 Himten und 2 Matten

 

Rechnen wir dieses zur besseren Vorstellung in kg um, bringt der Vollmeier Johann Hartmann jährlich 1440 kg Korn (hier im Beispiel zur Vereinfachung ausschließlich Roggen oder Weizen) zur Mühle. Der Müller darf hiervon einen Anteil von 90 kg behalten.

 

**********************

 

Gedruckte Quellen:

Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe, W. Wiegmann 1912

Tabellen alter Münzen, Maße und Gewichte von Franz Engel 1965

 

Ungedruckte Quellen: Staatsarchiv Bückeburg H1, Nr. ___

Gedruckte Quellen: Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe, W. Wiegmann 1912 / Tabellen alter Münzen, Maße und Gewichte von Franz Engel 1965 /


[1] klipp = klein, kleinst

[2] auch Drosten genannt, wenn sie von Adel waren

[3] Metzen, auch Matten genannt = alte Maßeinheit

[4] Amts und Hausordnung, gedruckt zu Stadthagen 1615

[5] H 20 B 53 – Justizkanzlei Rinteln 1648-1821 – Prozessakten 1760/66 - Dralle, Windmüller, Sachsenhagen - Düdinghausen und Auhagen, Gemeinden - Mühlenbann

[6] rel. = relicta = Witwe

[7] (beide Listen trafen am 21. Oktober 1760 beim Amtsgericht in Rodenberg ein. …)

[8] Johann Heinrich Dralle, Müller

[9] Johann Heinrich Dralle, Müller


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